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10.09.2010  |  Die aufgeblasene Armee (статья о Русбал в Süddeutsche Zeitung)

Viktor Talanows Geschäft ist die taktische Täuschung. Er rüstet die russischen Streitkräfte aus – mit luftgefüllten Panzern und Raketenabwehrsystemen.

Chotjkowo – Die russische Armee scheint auch nicht mehr das zu sein, was sie einmal war. Oder sollte man sich etwa fürchten vor dieser Bodentruppe? Platt wie müde Tiere liegen Panzer und Raketen im Gras. Ein T-80, 90 Kilogramm leicht, akkurat ausgebreitet. Der Stoff: Oxford-420, olivgrün. Ein Panzer ohne Panzerung. Dafür knistert er, wenn man ihn anfasst. Daneben liegt ein Flugabwehrsystem S-300, älteres Modell. Viktor Talanow gibt jetzt das Kommando, die Armee etwas aufzublasen. 
Die Raketen richten sich auf und fangen an zu wackeln, der Panzer erhebt sich, das schlaffe Rohr streckt sich, und in fünf Minuten ist eine kleineMilitäreinheit aufgebaut. Der größte Feind ist nun der Wind. Also werden die Raketen und Panzer mit Schnüren gehalten und mit Heringen geerdet. So schnell ist Russland aufgerüstet. 
Viktor Talanow ist der Herr der Illusion und sichtlich zufrieden mit der kleinen Vorführung. Der glatzköpfige Mann leitet die Firma Rusbal, und gerade steht er wieder einmal kurz vor einem wichtigen Auftrag. Das russische Verteidigungsministerium will bei ihm eine größere Zahl von modernen Raketenabwehrsystemen bestellen. Die Nachrichtenagentur Interfax meldete die künftige Auslieferung bereits als gebucht, wenngleich Talanow noch etwas vorsichtig bleibt. „Es ist so weit alles vorbereitet, aber erst, wenn der Minister sagt, ‚jetzt macht mal‘, stellen wir es auch her.“ 
Talanow muss sich keine allzu großen Sorgen machen, denn seine Firma hat für Militär-Attrappen in Russland ein Monopol. Panzer, Flugabwehrsysteme, Kampfjets MiG-29 und MiG-31, das Arsenal ist groß und optisch täuschend wahrheitsgetreu. Wie viele aufblasbare Exemplare er bereits in den Dienst der russischen Armee gestellt hat, darf er nicht sagen. Auch nicht, wie viel sie kosten. Für 180 000 Rubel, rund 4500 Euro, bekommtman den Panzer, aber das ist sozusagen nur die zivile Ausführung, die man sich in den Garten stellen kann. Und ohne die in den Stoff eingearbeitete spezielle Metallschicht, die erst dem Radar des Gegners vorgaukelt, alles sei echt. 
All dies wirkt wie ein kleiner Beitrag zur angestrebten Armeereform. Pumpt sich Russlands Militär nun auf, damit es tatsächlich abrüsten, sich verkleinern kann? Mit Gummipanzern, die nicht rollen, Flugzeugen, die nicht fliegen und Raketen, die nicht treffen können? Der kommunistische Abgeordnete Anatolij Lokot sagt, „Attrappen sind gut, wenn es auch etwas gibt, was man tarnen will“, und warnt davor, dass am Ende eine aufblasbare Armee die stolze Russische Föderation verteidigen müsse. „Stimmt ja nicht“, sagt Talanow. „Die echten werden doch nicht ersetzt, sondern nur geschützt. Zum Beispiel so: Ein feindliches Flugzeug entdeckt Panzer. Der Pilot will angreifen. Auf einmal aber stehen dort 20, 25 Panzer. Welche soll er nur abschießen? Er ist verwirrt, es muss ja schnell gehen. Satelliten können nicht echte von falschen unterscheiden. Im Grunde gebe es deshalb keine Einsparungen, sondern nur weitere Ausgaben. 
Dass lebensgroße Gummiattrappen inzwischen zur taktischen Kampfführung gehören, ist ein offenes Geheimnis. „Die Amerikaner, Kanadier und Chinesen machen das sicher“, sagt Talanow. Getäuschtwird, seitdem es Kriege gibt. Listige Engländer brachten schon vor Jahrhunderten geschnitzte Holzkanonen in Stellung. Die DDRmontierte einst Stoffpanzer auf Trabi-Gestelle. Serbien narrte die Nato-Piloten mit falschen Kettenfahrzeugen. Auch die Bundeswehr baut Attrappen, setzt sie aber „nicht operativ ein, sondern nur zu Ausbildungszwecken“, heißt es in Bundeswehrkreisen. Russland dagegen täuscht auch echt. 
Vor zwei Jahren, im Krieg gegen Georgien, haben Talanows luftige Panzer und Raketen die georgische Armee angeblich so verwirrt, dass die richtigen unbeschädigt blieben. „Das mit Georgien habe ich später auf einer japanischen Internetseite gelesen“, sagt Talanow. „Sobald ich die Produkte übergebe, weiß ich nicht mehr, was mit ihnen passiert.“ 
Der Eindruck liegt nahe, der russische Unternehmer sei ein Waffenliebhaber, ein ehemaliger strammer Soldat oder habe mindestens die Militärzeitung Roter Stern abonniert. Aber den regulären Wehrdienst hat er gar nicht mitgemacht. Der Ingenieur nahm während seines Studiums stattdessen einmal pro Woche am Militärunterricht teil. „In meiner Seele bin ich Pazifist“, sagt er. „Die verschiedenen Flugzeuge und Panzer kann ich kaum voneinander unterscheiden.“ 
Aber mit Polyester-Geweben, Gummi und wasserdichten Nähten kennt er sich aus. Länger noch als aufblasbare Rüstungsgüter stellt das Familienunternehmen bereits Ballons her, Hüpfburgen für Kinder, überlebensgroße Reklamedosen, Zelte und Weihnachtsmänner. An den Wänden der Werkhalle hängen Fotos von Zeppelinen, Großballons und synthetischen Riesenschildkröten. Dutzende Nähmaschinen füllen den Raum, Es stapeln sich Rollen in bunten Farben, Gelb, Blau,Weiß, Rot. Frauen stehen an langen Tischen und rollen blaue Stoffbahnen aus, trennen mit der Schere Stücke ab. Sie schneidern gerade die Notrutsche für ein Flugzeug. 
„Nur etwa die Hälfte unserer Produktion ist für die Armee“, sagt Talanow. Man könnte auch sagen, immerhin. Die Regierung ist ein guter Kunde. Aber dass die Streitkräfte eines Tages Talanows Imitate auch zur Maiparade über den Roten Platz ziehen könnten,wäre nicht einmal nach seinem Geschmack. „Nein“, sagt er, „da braucht man schon Starkes, Kräftiges. Etwas Echtes.“

 

 

 

 

 


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